Momente

Wenn er sich jetzt einfach fallen liesse, alles los lassen würde. Jeder irdische Reichtum von sich weisen würde und die letzten Meter im freiem Fall geniessen würde, wäre es das wert? Das letzte Gefühl wäre das der Freiheit, der puren Freiheit und Leichtigkeit. Sich einmal wie ein Engel fühlen, denn später wird er es sicher nicht mehr offeriert bekommen, dachte er sich mit einem grimmigen Lächeln. Der Wind spielte mit seinem Haar und lockte ihn flüsternd. Noch einmal starrte er in die unergründliche Schlucht und versuchte Details in der Finsternis auszumachen. Plötzlich spürte er etwas Nasses auf seinem nackten Oberarm, als er verdutzt darauf blickte, entdeckte er einen Regentropfen. Ohne zu wissen warum,  fing er an zu lachen, immer lauter bis ihm die Tränen kamen. In der zwischen Zeit regnete es schon in Strömen und  der Wind mischte auch schon kräftig mit. Das war sein sechzehnter Sommer den er Erlebte, kam ihm der Gedanke. Doch wie viele mochten noch folgen? Warum fühlte er sich jetzt schon viel älter? Wie wenig doch so ein Leben umstellen konnte. Fast unwahrscheinlich, manchmal nur eine Person, sogar ein Lebewesen vermochte das! Entschuldigung, ich stell dein Leben mal kurz auf den Kopf und mach dir eine neue Ordnung in dein Chaos!  Genau genommen stimmt das ja nicht ganz, bis jetzt hat sich noch niemand für das entschuldigt. Naja, wer kommt auch auf die Idee? Man merkt es meistens erst wenn es zu spät ist und man es nicht mehr ändern kann. Wenn aus der gelebten Gegenwart die Vergangenheit wird, welche den Grundpfeiler für die jetzige Gegenwart und die Konsequenzen beinhaltet welche uns in der Zukunft noch in die Quere kommen werden. Verdammt, was für ein Jugendlicher war er bitte schön? In seinem Alter dachte man nicht über solche Sachen nach. Nein, da ging es darum, wie man an den noch nicht legalen Alkohol kam und wo man am besten Mädchen aufreissen konnte. Oder man zockte sinnlose  Killerspiele mit dem besten Kumpel. Am besten auch erst ab 18 und schön blutig. Hatte jeder noch so eine Stimme im Kopf? Nein, nicht die vom schlechtem Gewissen, die  andere welche mit dir diskutiert. Wenn du Selbstgespräche führst, die nur du hörst, mit dem du gemeinsam erörterst wie du jetzt am besten vorgehen sollst. Die Stimme die mir hilft in Situationen richtig zu Handeln wie in zum Beispiel dieser: ‚Wenn dir ein guter Freund was erzählt wobei er eindeutig Hilfe braucht, dich aber schwören lässt es Niemanden zu erzählen. Du dann das Risiko eingehst, eure Freundschaft zu zerbrechen und doch zu einem Elternteil gehst ihm alles erklärst, aber immer noch so wenig wie möglich, einfach so das  man der geliebten Person helfen kann ohne den Vertrauensbruch grösser als nötig zu machen.‘ Ein helles Licht riss ihn aus seinen Gedanken. Jetzt regnete es nicht nur, es fing auch noch zu blitzen und donnern an. Gehetzt rannte er den schmalen Wanderweg hinab, sprang über Felsbrocken und kam schlitternd beim Kiesparkplatz zum Stehen. Setzte sich auf seinen Roller und fuhr nach Hause. Dort angekommen bemerkte er, dass er sein Hausschlüssel in seinem Zimmer vergessen hatte. Verdammt! Er schlich einmal ums Haus in der Hoffnung ein offenes Fenster zu finden. Irgendwie mag mich mein Glück heute nicht dachte er und musste wohl oder übel klingeln. Bitte nicht Mama, bitte nicht! Die Tür wurde aufgerissen und schon übergoss ihn ein Schwall von Vorwürfen. “Wo warst du? Du hättest dich erkälten können!! Du bist ja völlig durchnässt! Wir haben uns Sorgen gemacht! Was war denn so wichtig dass du nicht mal dein Handy bedienen konntest um uns zu informieren das du länger Fortbleibst?!“ Er gab ihr ein genervtes Sorry zur Antwort und stieg die Treppe hinauf. Erst unter der heissen Dusche entspannte er sich wieder. Wenn meine Familie wüsste was ich bei der Schlucht für Gedanken hatte, dann würden sie mich wahrscheinlich einsperren in meinem Zimmer. Wie alles was nicht normal ist, nicht alles muss schlecht sein nur weil es nicht der Norm entspricht, aber so denkt nun mal die Mehrheit der Gesellschaft. Nachdem er sich wieder aufgewärmt hatte stieg er in seine Jogginghose und in ein schwarzes T-Shirt. Kurz darauf wurde er zum Abendessen gerufen. Still sass die ganze Familie am Tisch und assen Abendbrot. Er hielt den Kopf gesenkt und liess seine Stirnfranseln über seine dunkelbraunen, fast schwarzen Augen hängen. Seine grössere Schwester stiess ausversehen ihr Glas um und entschuldigte sich wortreich beim Vater da sie ihm alles über den Schoss schüttete. Dieser war ohnehin nicht gutgelaunt und schimpfte mit ihr, als sein Blick auf mich fiel, duckte ich mich und hoffte das er mir jetzt nicht auch noch eine Standpauke hielt. Aber wie gesagt, es war nicht mein Glückstag. Meine Strafe war, dass ich nicht ans Konzert von  °Paul Sails For Rome° durfte. Die Wut begann in meinen Bauch zu rumoren und ich hatte keinen Hunger mehr. Ich wusste, dass wenn ich jetzt anfing zu diskutieren bekam ich noch mehr gestrichen. Schweigend räumte ich den Tisch ab und putzte ihn. Meine Mutter beobachtete mich aufmerksam, wie ich aus den Augenwinkeln bemerkte. „Was ist denn bloss los mit dir?!“, schoss sie die erste Frage von vielen auf mich ab. Mein Blick streifte sie kurz, dann zuckte ich mit den Schultern. Jetzt kommt der Standartsatz dachte ich mir und prompt: „Du kannst mit mir über alles reden! Und wenn’s um Mädchen geht kann ich dir helfen, schliesslich war ich ja auch mal eins.“ Genervt wimmelte ich sie mit einem „Alles Okay! Und nein, es geht um kein Mädchen!“ ab. Als er auf seinem Bett lag und die Decke anstarrte fing er sein Spiel an. Sein Spiel bestand darin all seine Gedanken aus seinem Kopf zu schieben und einen Moment oder gar Momente an nichts, absolut rein gar nichts zu denken. Doch Gedanken können ziemlich störrisch und anhänglich sein. An diesem Abend wollte es einfach nicht gelingen. Kurzerhand beschloss er jetzt schon schlafen zu gehen, er stand auf und putzte sich die Zähne als sein Blick auf die Nagelschere fiel. Die war spitzig und lag gut in der Hand, wenn man sie aufmachte kamen die geschliffenen Klingen zum Vorschein. Seine Gedanken schweiften ab zu dunklen Abgründen in seiner Seele. Entschlossen packte er die kleine Schere und überlegte sich wo man die Verletzung am Wenigsten entdecken würde. Auf alle Fälle nicht am Handgelenk, da wäre es sehr Aufsehen erregend, vielleicht Irgendwo wo es nicht Jedermann sehen konnte? Er verwarf den Gedanken der ihm darauf als Antwort einfiel. Da polterte die Schwester an die Tür, hastig liess er die Schere fallen, räumte alles wieder zurück und machte ihr auf. Sie bedankte sich schnippisch und er antwortete mit einem Abschätzenden Blick. Zurück in seinem Zimmer, schloss er die Tür ab, schnappte sich seinen IPod und liess sich auf sein Bett fallen. Er drückte Play und °Papa Roach° sang ihm aus der Seele. Der schrill klingelnde Wecker riss ihn aus seinem tiefen traumlosen Schlaf hinaus. Fluchend stand er auf, zog sich an und frühstückte ein Müsli. Man durfte ihn erst nach dem zweiten Morgenkaffee anreden, geschweige denn anschauen. Seine Familie wusste und akzeptierte das.

 

 

...Fortsetzung folgt.

17.2.14 23:03

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